Letzter Eintrag

Auch wenn es einiges zu erzählen gäbe über die letzten Wochen, ich kann mich einfach nicht dazu aufraffen nochmal einen langen Text zu schreiben. Hab’s probiert und wieder aufgegeben. Zu viel um die Ohren und im Kopf gerade.
Deshalb gibt’s nur eine Kurzfassung aber dafür viele Bilder.

Im Juni hat mich Kathi besucht, wir hatten richtig gute 3 Wochen in Sucre, la Paz, Cuzco, am Machu Picchu, im Nationalpark Amboró.

Die Wochen danach war Schluss mit Reisen. Ins Wiñay kam eine Gruppe von 8 Kanadiern, die einige Projekte hier organisiert haben. Deshalb war viel los in letzter Zeit, von Ausflügen über Spieltage bis zu Wissenswettbewerben. Dazwischen endlich die Aufführungen meiner Theatergruppe zu Wo Die Wilden Kerle Wohnen, ist ein zwar kurzes, aber echt süßes Stück geworden mit schönen Kostümen, Bühnenbildern… 5 Mal haben wir bisher aufgeführt, 2-3 Mal würd ich’s gern noch machen bevor ich gehe.

Jetzt habe ich noch fast genau einen Monat, bis ich wieder deutschen Boden betrete. Gerade erscheint es mir ein völlig falscher Zeitpunkt, demnächst hier wegzugehen. Ich fang doch gerade erst an, die Leute richtig kennenzulernen, hier wirklich Verantwortung übernehmen zu können. Gibt noch so viel, was ich gerne machen würde. Aber wahrscheinlich würde es mir genauso gehen, wenn ich nach 2 Jahren wieder nach Hause müsste. Die erste Gruppe Freiwillige reist in 3 Tagen schon nach Hause, was bedeutet dass ich die nächsten Wochen ohne Alena und Andi arbeiten werde. Mehr Stress, mehr Verantwortung und mehr Eigenständigkeit. Wird mir den Abschied auch nicht gerade erleichtern.
Ich denke das war’s dann mit Berichten und Texten hier, bald kann ich ja persönlich erzählen.
Macht’s gut und bis sehr bald !

Advertisements

Mana qhishwata parlanichu…

Vor 3 Wochen habe ich mich endlich mal dazu aufgerafft, mir eine Quechua-Lehrerin zu suchen. Jetzt habe ich statt Spanisch also einmal die Woche Quechua, das ist die wohl abgedrehteste Sprache mit der ich mich bis jetzt beschäftigt habe. Ich meine, Sprachen lernen war eigentlich immer etwas, das mir eher leicht gefallen ist. Aber ich bezweifle es gerade stark, dass ich jemals dazu in der Lage sein werde, auch nur ein fünfminütiges einfaches Gespräch auf Quechua zu führen. Die Sprache hat sich um 1500 in Peru, Bolivien, Ecuador und Argentinien verbreitet und deshalb rein gar nichts mit Spanisch oder irgeneiner anderen mir bekannten Sprache zu tun.
Hier einfach mal ein paar Beispiele:

– Imaynalla kashanki? ñuqa walliqlla kashani.
Wie geht es dir? Mir geht es gut.

– Mana qhishwata parlanichu.
Ich spreche kein Quechua.

– Mayk’a wawakunataq wiñaypi kanku?
Wieviele Kinder kommen ins Wiñay?

Ich kämpfe vor allem mit der Aussprache und dem Einprägen der Wörter, aber verstehe mittlerweile zuhause oder im Bus öfter mal, worüber sich unterhalten wird. Und ich kann ohne Probleme grüßen, mich vorstellen, mich bedanken, mich verabschieden. Ein paar Tiere, Nahrungsmittel und Adjektive sind auch schon drin. Ist nicht viel, aber immerhin etwas.
Meine Quechuakenntnisse wurden letztes Wochenende gleich mal auf die Probe gestellt, als ich mit Pamela und meiner Gastmutter zu ihren Eltern gefahren bin. Um 5h morgens ging es los, wir wurden mit dem Auto einer Familie mitgenommen, die ebenfalls in der Nähe das Wochenende verbringen wollte. Nach 4 Stunden holpriger und abenteuerlicher Fahrt (bei der wir an circa 2 Häusern und 4 Kühen vorbeigefahren sind) kamen wir unten an einem Berg an, den sich der Autofahrer mit seinem Wagen nicht mehr hochgetraut hat. Also hieß es aussteigen und verabschieden. Da standen wir also mit viel zu viel Gepäck, schauten den Berg hoch und fragten uns, wie wir das alles da hochgeschleppt bekommen sollten. Meine Gastmama machte sich auf den Weg um Hilfe zu suchen und kam nach einer halben Stunde mit einem Mann und dessen Esel zurück. Der Mann beobachtete mich erst mal mit einem „Was-ist-das-und-was-macht-es-hier“-Blick und ließ sich von meiner Gastmutter erklären, ich sei das Produkt ihrer früheren Beziehung zu einem Gringo. Ihr mache das Spaß, den Leuten solche Geschichten aufzutischen. Ich finds auch sehr amüsant. Naja, jedenfalls wurde der Esel beladen, der Rest musste von uns dreien in aguayos (typisch bolivianische Tragetücher) hochgetragen werden. Nach anderthalb Stunden kamen wir endlich oben an und wurden von Gregorias Eltern empfangen. Den Vater kannte ich schon von seinen seltenen Besuchen in Sucre, die Mutter sah ich zum ersten Mal und war gleich total beeindruckt von ihrem Gesicht. So einen Ausdruck im Blick hab ich selten vorher bei jemandem gesehen.
Das Haus, in dem die beiden schon fast immer leben, ist ganz einfach gebaut, aus Lehm, Stroh, Ziegeln. Es gibt weder fließendes Wasser noch Strom, geschlafen wird auf einem Drahtbett und Ziegenfellen, gekocht über’m Feuer. Vor dem Haus stehen 2 Maisfelder, in denen auch Bohnen, Kartoffeln und Kürbisse wachsen. Es gibt eine Ziegen- und Schafsherde, damit also Fleisch. Wasser holt man am Bach, der eine halbe Stunde Fußweg entfernt ist, Holz zum kochen gibt es dort auch viel. Eine Toilette gibt es nicht, dafür sind die umliegenden Wiesen und Gebüsche da. Man steht auf, wenn die Sonne aufgeht und legt sich schlafen, wenn sie untergeht. Handysignal gibt es nicht, dafür empfängt das kleine Umhängeradio einen katholischen Sender, auf dem den ganzen Tag gebetet und gesungen wird. Spanisch spricht selbst im Radio so gut wie keiner.
Am Samstag kamen wir also gegen Mittag in dem Haus an, bekamen erst mal gekochten Mais und in der Sonne getrocknetes Ziegenfleisch zu essen. Nachmittags wurden die Schafe und Ziegen gehütet, dann wurde wieder gekocht. Am nächsten Tag ging ich mit der Mutter (sie ist, wie ihr Mann, schon über 80), Holz sammeln. Das bedeutete, den Berg herunterzukrachseln, wobei ich mich 2 mal fast hinpackte während die alte Dame vor mir wie ein kleines Kind leichtfüßig vor mir hersprang. Nachdem Äste ausgerissen und Stöcke zerbrochen, luden wir das Holz wieder in aguayos und schleppten alles wieder nach oben. Dann konnte das Kochen losgehen, Fleisch + Reis + Mais + Kartoffeln. Nach dem Essen fingen wir an, die nächste Mahlzeit vorzubereiten. Pamela und ich haben im Feld Maiskolben und Bohnen gepflückt, danach wurden Kartoffeln geschält und alles zusammen mit etwas Hühnchen in einen Topf geworfen. Muss ja alles fertig sein, bevor es gegen 18h dunkel wird.
Ohne Licht ist abends auch nicht groß was zu machen, also lagen Pamela, Gregoria und ich um 20h auf unseren Ziegenfellen, bereit zu schlafen. Ich bin auch kurz eingedöst, aber 20 Min. später gleich aufgewacht, von lauten Schreien. Im Raum, in dem wir geschlafen haben, standen die Eltern von Gregoria und streiteten sich, aber so richtig. Ich hab zwar kein Wort verstanden, nur ab und zu ein „Raus hier! Jetzt geh raus und verschwinde!“. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand, hab so getan als würde ich schlafen weil mich das Ganze irgendwie ziemlich verschreckt hat. Nachdem die beiden sich gut 10 Minuten lang so anschrien ohne den anderen mal ausreden zu lassen, ging das Wortgefecht auf einmal, ganz fließend, in Sätze wie „Jesus beschütze mich, Heiliger Geist hilf mir“ über, bei dem die beiden, wie jeder für sich, weitere zehn Minuten beteten. Ich komplett verwirrt, immer noch wie erstarrt, probierend zu verstehen was da die ganze Zeit vor sich geht. Irgendwann gingen die beiden dann aus dem Raum und ließen uns schlafen. Als ich am nächsten Morgen meine Gastmutter fragte, warum ihre Eltern sich gestern so schlimm gestritten hatten, wurde ich erst mal ausgelacht: Nix da Streit, mit dem Geschrei wurden die bösen Geister vertrieben, damit wir gut schlafen konnten. Na, darauf muss man aber auch erst mal kommen…
Den Sonntag haben wir damit verbracht, vormittags aus Erde einen kleinen Ofen zu bauen, in dem wir Kartoffeln, Mais und Bohnen (ja, wahnsinnig abwechslungsreich) gebacken haben. Nachmittags bin ich mit Pamela und meiner Gastmutter zu dem Haus gelaufen, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Wir haben dort noch alte Schulhefte und Zeugnisse gefunden, es war alles generell ziemlich rührend, weil Gregoria das Haus vor 25 Jahren zum letzten Mal gesehen hatte…
Am Montag morgen hieß es um 5h aufstehen: Vor unserem Aufbruch zurück nach Sucre musste noch Wasser für die nächsten Tage geholt werden. Also machten wir (Gastmama + Gastoma + ich) uns bei Sonnenaufgang auf den Weg nach unten zum Bach und füllten dort 6 Kanister auf. Die Frage, wer den 20L-Kanister nach oben tragen würde, war schnell geklärt, ich stand dort schließlich mit einer 50- und einer 80-jährigen Frau. Also auf den Rücken damit, noch jeweils 8L in beide Hände und los ging’s. Sauanstrengend war das und mir bleibt bis jetzt nichts als große Bewunderung für die beiden, für die das Wasser- bzw. Holzschleppen das normalste der Welt ist, egal ob mit 20 oder 90 Jahren.
Nach dieser Aktion, die meinem Rücken nach den 2 Tagen eigentlich schon den Rest gegeben hat, stand uns jetzt noch eine 8-stündige Wanderung zum nächsten Dorf an, von dem aus wir nach Sucre trampten. Ich war lange nicht mehr so kaputt wie an dem Abend, an dem wir endlich wieder zuhause waren.
Es war ein wahnsinnig interessantes Wochenende und ich bin total froh, einen Einblick in das Leben bekommen zu haben, das so viele Bolivianer haben. Wie abgeschieden sie von der Zivilisation wohnen (die nächsten Nachbarn waren anderthalb Stunden Fußweg entfernt…), wie sie mit 80 Jahren noch so schwere Lasten tragen ohne sich je zu beschweren. Sie haben dort eigentlich fast nichts, aber gerade genug zum Leben. Es geht nicht darum, Spaß zu haben, sondern das was man den ganzen Tag tut, tut man um es am nächsten Tag wieder tun zu können. Bemitleidenswert? Im Fall von Gregorias Eltern nicht mal unbedingt, würde es den Menschen dort schlecht gehen, würden sie in die Stadt ziehen. Wollen sie aber nicht: „Wenn wir hier sterben dürfen, sterben wir glücklich“, sagen sie.

Mal wieder ein bisschen Abenteuer

Gibt mal wieder so einiges an Erzählenswertem.
Meinen 19. Geburtstag werd ich wahrscheinlich nicht so schnell vergessen…
Der fiel dieses Jahr genau auf’s Osterwochenende, was 3 arbeitsfreie Tage bedeutete. Da hier in Sucre eh nicht viel losgewesen wäre (Meine bolivianischen Freunde alle beim Festessen in ihren Familien, meine deutschen Freunde fast alle verreist und in meiner Familie werden Geburtstage eh nicht groß gefeiert), hab ich mir Randi geschnappt und wir haben uns Donnerstag abend in den Bus nach Samaipata gesetzt. Dort hatten wir uns mit einigen Santa-Cruz- und La-Paz-Leuten verabredet, die dann nach und nach am Freitag angekommen sind. War eine sehr harmonische Runde. Abends gab es leckeres Essen, später haben wir uns auf die Plaza gesetzt und mit Gitarre ein paar Lieder zum Besten gegeben, um Mitternacht haben wir uns unter einem Pavillon zusammengefunden und in meinen Geburtstag reingegrölt. War wirklich schön, es saßen auch noch ein paar Bolivianer mit ihrer Gitarre da, die mir einige Ständchen vorgesungen haben, Anton hatte irgendwo Sekt auftreiben können und damit war alles schön geburtstagsmäßig. Später ging’s für die Feierwütigen unter uns noch zu einer Art Festival, dort war auf einem Gelände ein riesiges Iglu aufgebaut in dem schlechte Musik gespielt wurde, drumrum waren aber viele kleine Lagerfeuer aufgebaut. Dort haben wir eine Weile getanzt bevor es dann in die Zelte ging. Am nächsten Morgen war super Wetter, wir sind erst mal zum Markt spaziert um ordentlich einzukaufen und hatten eine Stunde später das wohl beste Frühstück gezaubert, das ich bisher in Bolivien gegessen habe: Rührei, Naturjoghurt mit Obst, Guacamole, Vollkornbrot (!), Schmelzkäse…
Der Tag war auch weiterhin einfach nur entspannt und sonnig. An der Stelle danke an die ganze Meute für den schönen Geburtstag. (Jakob, Entschuldigung angenommen, ich verzeih dir die Verspätung! :* )
Auch die Nacht zu Sonntag wurde wieder recht lang, aber man ist ja sozusagen im Urlaub und kann am nächsten Tag wieder ausschlafen. Denkste. Dann ging’s nämlich erst richtig los.
Es hatte schon gegen 4h angefangen zu regnen, demnach war die Wiese ums Zelt herum matschig und etwas sumpfig als wir schlafen gingen, das war aber erst mal nicht weiter schlimm. Gegen 5.30 Uhr werde ich dann von Randi und Sharon geweckt, die meinen, irgendwas stimme nicht und wir müssen jetzt hier raus. Ich bin aber eher in Schlafstimmung und werde erst richtig wach, als mir das Wasser in meinem Schlafsack auffällt. Als ich mich dann aufsetzte, klappt das Zelt ein. woraufhin die Erkenntnis folgt: Wir schwimmen!
Ich steig aus dem Zelt und stehe erst mal bis zu den Knien im Wasser. Ohne wirklich darüber nachzudenken was hier eigentlich gerade passiert, ziehen Randi, Sharon und ich unsere Taschen und Rucksäcke aus dem Zelt und stapfen durch’s Wasser zu der ca. 10m entfernten offenen Küche um dort alles in Sicherheit zu bringen. Das Zelt wird auch an Land gezogen, dabei ist schwimmt schon mal eine ganze Menge an Klamotten, Kopfhörern, Handys etc davon. In der Küche haben sich alle versammelt, die Situation immer noch nicht so ganz realisierend. Aber wir sind sicher, die Küche hat Steinboden und ist trocken. Noch. Denn 20 Minuten später steht das Wasser auf dem Zeltplatz auf Schulterhöhe, in der Küche auf Knöchelhöhe. Die Rucksäcke müssen irgendwie auf die 2 kleinen Tische gequetscht werden, dabei wird aber natürlich auch wieder einiges nass/kaputt/verloren. Schlimmer wird es zum Glück nicht, es hat aufgehört zu regnen, das Wasser fließt wieder ab und hinterlässt ein einziges Schlammgebiet. Da geht dann die Suche im Matsch los: Schuhe, Unterhosen, Reisepässe, Schlafsäcke, Zeltstangen…
Hat eigentlich echt Spaß gemacht und immerhin hatten wir so auch ein kleines Ostersonntags-Suchen. Jakob hat sogar ein kaputtes Ei gefunden.
Irgendwann haben wir dann unser Zeug die Treppe hoch zu Rezeption getragen, da hat sich dann auch mal der Eigentümer des Hostels blicken lassen, der war allerdings noch besoffen und nicht wirklich imstande uns zu unterstützen. Sharon und ich haben uns auf den Weg zum Markt gemacht um ein paar trockene und warme Klamotten für unsere Leute aufzutreiben, mittags ging es dann für alle nach Santa Cruz in die Wohnung von Jakob, Anton und Wiebke. Der Resttag wurde mit gutem Essen, lauwarmen Duschen, Revuepassieren der letzten Nacht und einigen Folgen „Stromberg“ verbracht. Genau das Richtige. Nach 13 Stunden Schlaf und später 15 Stunden Busfahrt kamen Randi und ich Montag morgen in Sucre an. Zuhause wurde ich schon von allen erwartet, habe noch einen Geburtstagskuchen und später ein superleckeres Mittagessen bekommen und alle mit einer netten Geschichte über schwimmende Zelte unterhalten können. Ich habe jetzt zwar einen Schlafsack, 2 Paar Schuhe, 1 Handtuch, 1 Handy, 1 Paar Kopfhörer und eine Zahnbürste weniger, aber das ist nichts im Gegensatz zu dem was andere verloren haben (Laptop, Spiegelreflexkamera, Kreditkarte…) insofern ist für mich alles mal wieder gut ausgegangen. Irgendwer hatte mir am Samstag einen besonderen und exotischen Geburtstag gewünscht. Herzlichen Dank, den hatte ich!!


Eine Woche später bin ich Freitag abend mit Nesthor, Moises, Armando und Andrea zu einem Konzert gegangen, bei dem 5 Bands aufgetreten sind. Auch wenn zumindest die zwei ersten ziemlich gut waren (die dritte und vierte war dann jeweils die Gewinner einer mexikanischen Castingshow, die sich wie die absoluten Stars fühlten), haben wir doch die ganze Zeit nur auf die letzte Gruppe gewartet: Los Kjarkas. Um Mitternacht kamen die dann endlich auf die Bühne. Ich hatte ja schon hohe Erwartungen gehabt, weil die meisten eh nur wegen der Kjarkas gekommen waren, aber es wurde noch viel besser als gedacht. Meine bolivianischen Lieblingslieder sind nämlich fast ausschließlich von dieser Band, was ich vorher gar nicht wusste. Wir haben viel getanzt, mitgesungen und die Kälte (es war ein Freiluftkonzert) schnell vergessen. Ihr könnt ja mal reinhören:
http://www.youtube.com/watch?v=rcNgZnbUOqE


Am nächsten Tag war der día del niño und wohl die schönste Veranstaltung, die ich bisher im Wiñay erlebt habe. Der día del niño ist der Tag des Kindes, und der wird hier richtig groß gefeiert. In den Schulen, in der Stadt, es gibt viele Veranstaltungen und Aktivitäten. Wir haben am Samstag alle Kinder am Wiñay versammelt, mit Luftballons und einigen selbstgebastelten Schildern ausgestattet und sind zusammen einmal die Hauptstraße hoch- und wieder runtermarschiert. Dabei haben wir zwar den ganzen Verkehr aufgehalten, hat aber keinen gestört, nicht ein einziges Mal hat jemand gehupt – ist ja schließlich Tag des Kindes, da darf man schon mal die Straße blockieren. Wäre in Deutschland so garantiert nie möglich. Danach sind wir alle zum Sportplatz gelaufen, wo Pamela, Andrea und ich Spiele vorbereitet haben um eine Stunde lang die Kinder zu bespaßen. Das war aber noch nicht alles, weiter ging’s später im Wiñay, dort wurde erst mal eine Weile sehr ausgelassen getanzt und anschließend an jeden eine mit Süßigkeiten gefüllte Tüte verschenkt. Gut, den Inhalt der Tütchen hätte man auch anders gestalten können, die Zähne der meisten Kinder sind eh schon schwarz genug, aber alle haben sich natürlich gefreut und es war insgesamt ein richtig schöner und fröhlicher Tag, an dem ich nochmal gemerkt habe, wie glücklich ich im Wiñay bin.

Damit war aber noch nicht genug, eine Woche später, am 18.04. stand schon wieder die nächste große Veranstaltung an: Die noche de talentos (Talentnacht), wieder auf dem Sportplatz. Die ganze Woche über konnte sich einschreiben, wer wollte, egal mit welchem Talent und so hatten wir am Ende ein ganz gut gefülltes Programm. Es wurde hauptsächlich gesungen und getanzt, mit den Bartolina-Leuten haben wir eine kleine Zirkusshow auf die Beine gestellt, ich habe zusammen mit Sapo (das bedeutet Frosch, seinen wirklichen Namen Edwin habe ich erst an diesem Abend erfahren, aber auf die Spitznamen hier komme ich wann anders nochmal zurück) gesungen und am Ende gab es noch ein kleines Theaterstück mit meiner Gruppe, bei dem ich als Cholita-Aschenputtel über den Platz gehüpft bin.
War mal wieder sehr unterhaltsam das Ganze und mich begeistert immer wieder, wie mutig und motiviert viele sind und sich einfach mit Mikrofon auf die Bühne stellen, auch wenn sie beim Singen kaum einen richtigen Ton treffen.


Ich hab das Gefühl, immer nur von den schönen, fröhlichen, abenteuerlichen Dingen zu erzählen, dabei lasse ich viele Kleinigkeiten aus, die mich aber tagtäglich auch erschrecken und traurig machen. Ich fang jetzt davon an, weil ich letzte Woche etwas erlebt habe, das mich ziemlich bestürzt hat.
Ich arbeite ja außer im Haupthaus Canadá und in Bartolina auch ein Mal die Woche im Viertel Horno K’asa, dort haben wir einen Raum für Hausaufgabenbetreuung der auch zum Wiñay gehört. In Horno K’asa ist alles nochmal etwas anders als in Canadá und Bartolina, die Familien sind deutlich ärmer, die Kinder sind in schlechterem gesundheitlichem Zustand (offene oder schlecht heilende Wunden zB), was die schulischen Leistungen betrifft langsamer und viel unselbstständiger und in unserem Salon dort regnet es rein, gibt es seit einem Monat kein fließendes Wasser und kaum ein unbeschädigtes Spielzeug. In Horno K’asa bin ich jedenfalls jeden Donnerstag von 15h-17h alleine und helfe den Kindern bei ihren Hausaufgaben. Am letzten Donnerstag sollte ich allerdings mit allen nach Canadá laufen, wo nämlich gerade ein Arzt war um die Kinder mal zu kontrollieren. Nachdem alle durchgecheckt waren, kam die 9-jährige Yhoselin zu mir, ihren schlafenden, 2-jährigen Bruder im Arm und meinte, wir müssen schnell zu ihr da ihr Bruder krank sei. Nachdem ich ihr den kleinen Jhon-Cesar abgenommen hatte, war mir klar, den würde ich nicht den Berg hoch nach Horno K’asa tragen können. Er war total schwach, hat auf nichts reagiert und hatte eindeutig Fieber. Ich habe mir also Yhoselin, ihre fast gleichaltrige Schwester Ana und den anderen, 4-jährigen Bruder Kevin geschnappt, ein Taxi angehalten und wir sind zu ihnen nach Hause gefahren. Anders als die Schwestern erwartet hatten, war niemand da. Ihnen ist wieder eingefallen, dass die Mutter eine Versammlung hatte und erst spätabends nach Hause kommen würde, der Vater womöglich erst am nächsten Morgen. Aber die beiden würden sich eh nicht um die kleinen Brüder kümmern, das sei Aufgabe der Schwestern, es mache also keinen Unterschied ob die Eltern jetzt da sind oder nicht. Jhon-Cesar war mittlerweile aufgewacht, schrie und hatte sichtlich Schmerzen. Ich hatte dummerweise nicht mit dem Arzt gesprochen, alles was ich an Infos hatte war, dass die Schwestern eine antibiotische Lösung zum Spritzen in die Hand gedrückt bekommen hatten, sich aber auch nicht wirklich an die Anweisungen dazu erinnern konnten.
Ich hab mich in dem Moment total hilflos gefühlt. Bin erst mal zur Nachbarin gelaufen, um von ihr ein Handy auszuleihen (meins hatte ich in Canadá vergessen) aber die Nummer von der Yhoselin meinte es sei die ihrer Mutter war falsch.
Da stand ich also und wusste nicht weiter. Der Nachbarin war das Ganze auch ziemlich egal, sie war mir leider keine Hilfe. Jhon-Cesar selber zu einem anderen Arzt bringen hätte ich ohne Erlaubnis der Eltern nicht machen können, mit dem zu spritzenden Antibiotikum konnte ich auch nichts anfangen. Ich hab den Schwestern also gesagt, sie sollen jetzt bei ihrem Bruder bleiben, ich würde in 15 Minuten wieder da sein. Bin zurück nach Canadá gelaufen, wo ich mit den Nerven voll am Ende war. Ich habe mir von unserer Zahnärztin eine Paracetamol gegen das Fieber geben lassen, damit kam ich wieder in Horno K’asa an. Ich hab eine halbe Tablette zedrückt und die Jhon-Cesar in einem Becher Wasser gegeben. Er war mittlerweile wieder auf den Beinen und hatte das Fläschchen mit dem Antibiotikum zerbrochen.
Mehr konnte ich für den Moment glaube ich nicht machen, ich habe aber Ana und Yhoselin versprochen, am nächsten Morgen zu kommen um mit der Mutter zu sprechen.
Also stand ich am nächsten Tag um 7h vor der Tür. Die Mutter, die mit 15 Jahren Yhoselin und kurz darauf Ana zur Welt gebracht hat, wollte mit mir nur durch das vergitterte Fenster sprechen. Sie meinte zunächst, es sei normal, dass Jhon-Cesar immer müde ist und warm im Gesicht, das sei immer so. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass der Arzt den Schwestern grundlos Antibiotikum mitgegeben hatte, damit konnte ich die Mutter überzeugen doch mal zum Arzt zu gehen. Sie meinte, das würde sie am selben Tag noch tun.
Als ich mich am Nachmittag mit Moisés, Armando und ein paar anderen darüber unterhalten habe, was passiert ist und was bzw. ob ich jetzt noch machen kann, hab ich mich auf einmal ganz lächerlich gefühlt. Es stimmt natürlich, dass ich da als Ausländerin ankomme und der Mutter erzählen will, was sie am besten mit ihrem Kind machen sollte. Obwohl ich eigentlich selbst keine Ahnung habe. Ich weiß auch, dass ich nicht einfach so in die Familie eingreifen kann und auch, dass ich (selbst wenn ich den Kleinen jetzt ein Mal mit zum Arzt nehmen würde) auf Dauer nichts ändern könnte. So sehen das auch meine bolivianischen Kollegen und sagen sie kennen dieses „Phänomen“ vom Freiwilligen der so ein Mitleid hat mit den Kindern und am liebsten alle retten würden. Ich hab’s trotzdem nicht lassen können und vorgestern, eine Woche später, auf dem Weg zur Arbeit nochmal vorbeigeschaut. Es waren nur die beiden Schwestern und der 4-jährige da, Jhon-Cesar hatte die Mutter mit zu ihrer Arbeit auf dem Markt mitgenommen. Laut Yhoselin und Ana sei ihr Bruder aber okay. Mehr weiß ich nicht und werd ich wohl auch nicht wissen, die Sache hat sich wahrscheinlich erledigt.
Eigentlich weiß ich ja, dass es in vielen Familien so oder so ähnlich abläuft. Die meisten Kinder die ins Wiñay kommen sehe ich aber nur dort, wie sie Hausaufgaben machen, spielen, sich streiten etc. Einen wirklichen Einblick in ihr Leben zuhause bekomme ich nur selten, zB durch kurze Gespräche, in denen jemand seinen/ihren gewalttätigen Vater erwähnt. Oder wenn 4-jährige Kinder „betrunken sein“ spielen. Oder wenn im Improvisationskurs die Aufgabe ist, mit einem kleinen Plastikrohr etwas darzustellen, das kein Plastikrohr ist, ein Mädchen das Rohr auf den Boden schlägt und alle sofort erraten, dass das ein Gürtel sein soll. Da muss man dann schon erst mal schlucken.
Aber gerade deshalb bin ich froh, dass die alle jeden Tag ins Wiñay kommen und sich eine Weile mit Dingen beschäftigen, die nichts mit Alkohol, Schlägereien und Krankheit zu tun haben. Und dass ich, auch wenn ich weder Pädagogin noch Psychologin bin, einen kleinen Teil dazu beitragen kann.

Halbzeit!

Die letzten Wochen waren – mal wieder – Reisezeit für mich.
Es ging damit los, dass Pia (eine Freiwillige aus La Paz) und ich beim Zwischenseminar beschlossen hatten, unbedingt nochmal zum Salar de Uyuni zu fahren. Gesagt, getan, am letzten Februarwochenende machten wir uns auf den Weg. Ich bin ja schon mal dort gewesen, allerdings war das während der Trockenzeit. Jetzt, in der Regenzeit, ist der Salar durch eine ca. 10cm hohe Schicht Wasser bedeckt. Was das bedeutet, könnt ihr auf den Fotos sehen.
Wir haben 2 Touren gemacht. Zuerst, den Samstag über, eine Tagestour mit Sonnenuntergang. Da ging es zuerst auf trockene Stellen des Salars, wo man wieder die typisch lustigen Fotos machen konnte. Dann endlich fuhren wir zum nassen Gebiet. Wir bekamen Gummistiefel und blieben gut 4 Stunden am selben Ort. Je weiter die Sonne unterging, desto stärker spiegelte sich alles. Also wirklich alles, die Menschen, die Autos, die Wolken, die Sonne. Und ich hatte mal wieder, wie schon so oft hier in Bolivien, das Gefühl am schönsten Ort der Erde zu sein.
Um 20h waren wir wieder zurück in Uyuni, haben kurz was gegessen und sind dann recht schnell ins Bett, um wenigstens ein kleines bisschen schlafen zu können. Um 2h30 klingelte nämlich schon wieder der Wecker und wir quälten uns aus den warmen Betten. Mit 2 Paar Socken, 3 Pullis, Schal und Mütze eingemurmelt fuhren wir mit einer großen Gruppe Koreaner wieder auf den Salar. Es war stockfinster, und als wir aus dem Minibus stiegen und in den Himmel schauten dachte ich, das ist ein Traum. Noch nie hab ich so einen Himmel gesehen. Die Milchstraße war total klar und alles voller Sterne, dass einem schwindelig wurde. Als es schon langsam ein kleines bisschen heller wurde, fingen die Sterne auch noch an sich zu spiegeln. Leider nicht eins zu eins, aber man konnte unter sich auch einige sehen und das war wirklich abgefahren. Da man ja den Horizont nicht sieht, wirkt es einfach als würde unter, vor, über, hinter einem alles Himmel sein. Als könnte man geradeaus einfach runter ins Universum springen.
Ich müh mich gerade ab, das so gut wie möglich zu beschreiben, aber sowas muss man einfach gesehen haben, um es nachempfinden zu können…
Der Sonnenaufgang war dann auch nochmal wahnsinnig schön und alles in allem war das ein unvergessliches Erlebnis.

Montag bis Donnerstag hab ich dann nochmal im Wiñay gearbeitet, Freitag fuhr ich aber schon wieder nach La Paz und von dort aus nach Copacabana, einer Stadt am Titicacasee. Da traf ich dann endlich Geraldina, die gerade aus Peru dort angekommen war. (Geraldina ist eine Freundin aus der Schweiz, die bei uns in Berlin mal ein Auslandsjahr gemacht hatte).Wir hatten 9 Tage um zusammen zu reisen, und die nutzten wir auch voll aus.
Zuerst ging es für eine Nacht auf die Isla del Sol, eine wunderschöne, idyllische kleine Insel auf der bolivianischen Seite des Titicacasees.
Dort haben wir uns eine kleine Bucht unterhalb von Ruinen (Überbleibsel des Palacio del Inca) gesucht um unser Zelt aufzuschlagen. Der See ist so riesig (8562m² !), dass man einfach das andere Ufer nicht sieht und glaubt, man wäre am Meer. Deshalb sind die Bolivianer auch so wahnsinnig stolz auf ihren Lago Titicaca. 1884 (ja, Geschichtsdaten mit Kindern auswendiglernen zahlt sich aus…) haben sie im Salpeterkrieg nämlich ihren Meereszugang an Chile verloren, das ist bis heute ein ganz sensibles Thema über das man bloß keine Witze machen darf und die Chilenen sind hier immer noch sehr unbeliebt. Es gibt aber eine 1800 Mann starke Marine, die auf dem Titicacasee seine Übungen macht, in der Hoffnung, dass sich die Bolivianer irgendwann das Meer zurückholen. Wer weiß, ob dieser Tag kommen wird…
Wir haben dort also gezeltet, bei viel Gewitter und dem lautesten Donnern das ich je gehört hab. Unser Zelt war leider nicht ganz wasserdicht, aber wir haben die Nacht trotzdem ganz gut überstanden und wollten eigentlich gar nicht mehr weg am nächsten Tag.

Nach 4 Stunden Fahrt waren wir Sonntag zurück in La Paz und haben den Tag in El Alto verbracht.

Montag morgen war wieder früh Aufstehen angesagt, denn wir machten etwas, das ich schon lange vorhatte: Mit Fahrrädern den „camino de la muerte“, also die Todesstraße fahren!
Da fährt man zuerst mit einem kleinen Bus auf 3600m. Um uns herum war es verschneit (juhuu, Schnee!!) und ganz schön kalt, aber wir stiegen schnell auf unsere Räder und fuhren los. Zuerst noch auf asphaltierter, gerader Strecke, also genug Zeit um sich ans Fahren zu gewöhnen. Ist ja immerhin eine ganz Weile her gewesen, seit ich das letzte Mal richtig Fahrrad gefahren bin.
Nach einer halben Stunde wurde es dann ernst: Der Weg wurde steinig und kurvig und führte an einer 400m tiefen Schlucht entlang. Da auf dieser Strecke linksverkehr herrscht, damit Autofahrer direkt an der Schlucht sitzen und den Abstand zum Abgrund besser abschätzen können, mussten wir also am Abgrund fahren, was die Sache nicht gerade erleichterte. Ganz langsam fahren war auch keine Option, weil wir sonst auf den Steinen abgerutscht wären.
Es ging die ganze Zeit nur abwärts und ich habe mich zwischendurch wirklich gefragt ob ich lebend unten ankommen würde…
Das wirklich faszinierende an der Fahrt ist die Natur. Man fängt ja wie gesagt´auf fast 4000 Metern an, wo die Luft dünn und kalt, die Vegetation karg ist. Nach 68km Fahrt endet man im tropischen Coroico, schwitzt sich einen ab, bestaunt Schmetterlinge und exotische Pflanzen. Ich bin immer wieder beeindruckt von der Vielfalt, die Bolivien bietet.
Wir kamen alle heil unten an, auf einem kleinen Grundstück mit Pool, für den ich wirklich dankbar war.

Statt wieder zurück nach La Paz zu fahren, blieben wir gleich in Coroico, um von dort aus am nächsten Tag die 15Stündige Fahrt nach Rurrenabaque auf uns zu nehmen.
Die war auch nicht ohne, denn wir fuhren wieder an einer heftigen Schlucht entlang. Ich hatte das Glück/Pech, am Fenster direkt am Abgrund zu sitzen. Es ist ja so, die Straße ist ca. 5 und der Bus 4 Meter breit. Das führt dazu, dass man, wenn man aus dem Fenster schaut, kein bisschen mehr vom Weg sieht, sondern nur die Schlucht. Da wagt man dann doch zu bezweifeln, ob das gut gehen kann. Ging es aber, wir kamen einer ziemlich ungemütlichen Fahrt am nächsten Morgen an. Rurrenabaque ist eine kleine (und hässliche) Stadt mitten im Amazonasgebiet. Der Regenwald und die Pampas sind gleich um die Ecke. Geraldina und ich hatten weder genug Zeit, noch genug Geld um uns beides anzuschauen und entschieden uns für 3 Tage in den Pampas del Rio Yacuma. Dort, hieß es, sieht man viele Tiere, die sich im Dschungel nur selten zeigen. Wir hatten auf Tapire, Gürteltiere, Ameisenbären gehofft, wurden aber leider enttäuscht. In der Regenzeit steht das Wasser des Yacuma-Flusses einfach zu hoch, da machen sich die Tiere davon. Es war also einfach die falsche Saison. War trotzdem toll, wir sind 2 Tage zusammen mit einem englischen Paar auf einem kleinen Boot rumgefahren, haben Krokodile, Affen, Schildkröten, ganz verrückte Vögel gesehen. An einem Tag hieß es dann auch, wir würden im Fluss schwimmen. Mit Flussdelfinen. Rosa Flussdelfinen. Na Mensch, das ist doch mal an Kitsch kaum zu toppen.
Die Delfine sind übrigens die gefährlichsten in den Pampas. Auf meine Frage, ob das Schwimmen aufgrund der Krokodile nicht etwas riskant sei, bekam ich die Antwort, dass die Delfine die Krokodile fressen und sich diese deshalb nicht an uns herantrauen würden. Aha. So wirklich beruhigend war das nicht – ich fand jetzt dafür die rosa Viecher ziemlich gruselig – aber Geraldina und ich gingen trotzdem ins Wasser.
Ganz so romantisch wie erwartet wurde das Ganze leider nicht. Das Fluss war nämlich so trüb, dass man die Tiere nur sehen konnten, wenn sie mal ihren rosa Rücken aus dem Wasser hielten. Meistens blieben sie aber versteckt. Wir schwommen also im Wasser, erschreckten uns total wenn wir plötzlich mit dem Fuß gegen einen Delfin traten, erschreckten uns noch mehr wenn die Tiere auf einmal einen Fuß oder ein Knie zwischen ihre Zähne nahmen. Während die Engländer vom Boot aus vergeblich versuchten, ein Foto mit uns und den Delfinen zu schießen (meistens war nur eins von beidem drauf) strampelten wir also ein bisschen unbeholfen im Wasser rum, hoffend und gleichzeitig befürchtend, dass ein Delfin sich uns nähert.
Am dritten Tag ging es auf Festland, ein bisschen wandern und Anakondas suchen. Leider erfolglos, die Schlangen hielten sich versteckt, dafür konnten wir wirklich gut Capybaras, Wasserschweine, beobachten. Die sehen einfach aus wie eine Mischung aus Schwein und Ratte, wirklich merkwürdig aber irgendwie niedlich.

Ich bereue es ein bisschen, dass wir uns nicht für den Dschungel entschieden haben. Auch wenn wir dort weniger Fauna gesehen hätten, ich denke die Natur dort ist sehr beeindruckendes. Aber ich werde in meinem Leben bestimmt nochmal nach Bolivien kommen, da nehm ich mir den Regenwald fest vor.
An dieser Stelle ein kleiner, im Nachhinein recht amüsanter Zwischenfall.
Wir sitzen Freitag Abend im Bus, der uns von Rurrenabaque nach La Paz bringen soll. Wir sind noch nicht losgefahren, es müsste aber gleich losgehen. Da steigt ein Polizist ein und verlangt Ausweise bzw. Reisepässe. Meine Ausweissituation ist momentan nicht ganz simpel. Wir Freiwillige haben ja eigentlich ein sogenanntes carnet, ein Ausweis der zeigt, dass wir legal für ein Jahr hier sind. Dieser wurde mir aber vor ca. einem Monat geklaut. Bleibt mir also noch mein Reisepass. Mein Koordinator (also der Verantwortliche für uns hier) hatte uns gesagt, wir sollen nicht mit Reisepass rumreisen, falls der nämlich verloren geht seien wir aufgeschmissen. Passkopie reiche völlig aus. Hatte ich dabei, mach mir also keine Sorgen.
Zeige also dem Polizisten meine Papiere, er sagt, das reiche nicht aus. Eine Kopie könnte leicht gefälscht sein, er hat hier jetzt keinen Beweis dafür, dass ich legal im Land bin etc. Er führt mich aus dem Bus raus, ich probier draußen zu diskutieren. Seine Meinung: er könne mich nicht einsteigen lassen, ich müsse in Rurrenabaque warten bis Montag die Ausländerbehörde aufmacht, die können mir innerhalb von 24 Stunden (na klar…) einen carnet-Ersatz ausstellen. Ich, völlig verzweifelt, probiere es auf die Mitleidstour. Ich müsse ja arbeiten am Montag, mit Kindern aus den Randbezirken Sucres, ja, genau, arme Kinder… Ist mir fast schon peinlich so zu reden, aber es wirkt. Der Mann hat ein Herz, wird weich, bittet mich in sein Büro. Dieses befindet sich im Terminal, ich entfernte mich also vom Bus, werfe Geraldina (die die ganze Zeit aus dem Fenster guckt und probiert zu verstehen was gerade passiert) einen unsicheren Blick zu und verschwinde. Wir kommen in das Büro, Licht ist aus, nur der Computer leuchtet, alles ein bisschen skurril. Polizist und ich sitzen uns gegenüber, er fängt an zu erklären, dass er mir nichts böses will, das jetzt aber eine schwierige Situation wird. Wir würden kollaborieren müssen, sagt er. Er kollaboriere jetzt mit mir, das selbe müsse ich auch tun. Stille. Er gibt mir meine Passkopie zurück. Stille. Der Groschen fällt einfach nicht bei mir. Stattdessen stehe ich auf, bedanke mich für die Kollaboriation und bin schon fast aus der Tür, da ruft er mich zurück, das sei ja keine Kollaboriation, wir seien noch nicht fertig. Betreten setze ich mich wieder und frage, was genau er denn jetzt meine. „Najaaaa, so 30-40 Bolivianos, natürlich ganz freiwillig.“ Aha, jetzt wird mir erst klar warum ich in sein kleines dunkles Kämmerchen mitkommen sollte. 30-40 Bs wären ja kein Ding gewesen, ich hab allerdings nur ’nen Hunderter in der Tasche. Bei Schmiergeld um Wechselgeld zu bitten kommt mir irgendwie unangebracht vor, also muss ich den Schein wohl oder übel rausrücken. „Ganz freiwillig?“, fragt der Uniformierte noch, bedankt sich für’s kollaborieren und lässt mich gehen. Damit hatte ich dann also meine erste Bestechung hinter mir. Alles ganz freiwillig, wie schön.

Nach dieser aufregenden Woche ist Geraldina noch eine Weile mit mir in Sucre gewesen. Es war echt schön, mal jemandem von „außerhalb“ mein Leben hier zu zeigen, meine Familie, meine Freunde, die Kinder und generell einfach das was ich hier mache.

Letztes Wochenende sind wir nochmal für ein Wochenende zusammen weggefahren, zusammen mit ein paar Leuten aus Santa Cruz. Jakob hatte total von Espejillos geschwärmt, einem kleinen Ort nahe Santa Cruz, also sind wir dort hin. Es war wirklich wunderschön da, wir haben eine Nacht auf einer großen Wiese gezeltet, direkt neben einem großen Wasserfall.
Am nächsten Tag sind Geraldina und ich weiter nach Samaipata, da war ich ja im Januar schon mal und wollte es ihr nicht vorenthalten. Wir hatten nur wenige Stunden dort, sind aber wieder zum Refugio, dem kleinen zoologischen Park. Es war wieder richtig schön, neue Tiere sind dazugekommen, andere waren nicht mehr da. Die Äffin, von der ich letztes Mal so geschwärmt hatte, war irgendwie nicht so gut drauf. Ich war gerade dabei sie zu streicheln (im Januar hatte sie das regelrecht verlangt), da nahm sie sich meine Hand, steckte sich meinen Daumen in den Mund und biss zu. Hat nicht so sehr wehgetan, aber ich war ziemlich beleidigt danach…

Nach 11 Stunden Busfahrt kamen wir am nächsten Morgen wieder in Sucre an. Geraldina ist noch weiter zum Salar de Uyuni gefahren bei mir ging es dann wieder mit dem Alltag los.

Ist ja nicht so, dass ich nur unterwegs bin.
Auch zuhause in Sucre hat sich einiges getan.
Zunächst einmal kann ich immer noch sagen, dass ich in meiner Familie sehr glücklich bin. Carlos redet wieder des öfteren mit mir und ich bekomme mittlerweile sogar mal eine Art Lächeln von ihm. Mit Pamela ist, nach ein paar Spannungen im Dezember und Januar, auch soweit alles wieder gut (sie ist eben einfach nicht die große Schwester, die ich mir immer gewünscht hatte, da bin ich mit falschen Erwartungen angekommen). Alfredo dahingegen ist wirklich wie ein Bruder für mich, einerseits hab ich ihn wirklich sehr ins Herz geschlossen, andererseits geht er mir oft auf die Nerven und wir zicken uns gerne mal an. Zu Felix, dem Vater, hab ich keine so besondere Beziehung.Wir verstehen uns, scherzen miteinander, haben uns aber ansonsten nicht so viel zu sagen. Und dann ist da Gregoria, die ich für mich nur noch „mami“ ist, und die mein Zuhause erst so richtig zu meinem Zuhause macht. Mittlerweile stehen wir uns wirklich nah und haben uns einfach total lieb. Das wird wahrscheinlich der schlimmste aller Abschiede, aber bis dahin ist es ja zum Glück noch eine Weile.
Meine mami verkauft jetzt nicht mehr jeden Tag Schweinefleisch. Es ist so teuer geworden (ca. 3,50€ pro Kilo), dass die Leute es selten kaufen und dadurch zu wenig Geld reinkommt. Dafür haben wir uns jetzt eine „tienda“ zuhause eingerichtet, einen kleinen Laden so wie man sie an jeder Straßenecke hier findet. Das bedeutet, dass man jetzt mehrmals pro Stunde jemanden von der Straße aus „vendame!“ („verkauf mir!“) rufen hört. Daraufhin muss jemand schnell nach oben in Gregorias Zimmer rennen bevor der Kunde schon zur nächsten tienda läuft. Der Vorteil des Ganzen ist: Wir haben jetzt immer Milch, Brot, Handyguthabenaufladekärtchen und ähnliches im Haus, ich muss mir also nicht mehr die Mühe machen, aus dem Haus zu gehen und 10m zu laufen wenn ich was brauche. Was für eine riesige Erleichterung.

Im Wiñay verändert sich auch eine Menge momentan, ausgelöst durch Ninas Rückkehr nach Deutschland vor 2 Wochen. Nina hatte ja ihr Jahr um 6 Monate verlängert, war also schon eine Weile da, kannte sich super aus und hatte als „die rechte Hand“ unserer Chefin Hilda viel Verantwortung. Jetzt ist sie weg und wir müssen trotzdem klarkommen. Da außerdem Andi gerade einen Monat Urlaub hat, fehlen 2 Leute und ich darf jetzt die Lücken füllen.
Das bedeutet konkret: Backkurs mit den 5.-8.-Klässlern montags. Backkurs mit den 2.-4.Klässlern dienstags. Geldverwaltung des Backkurses. Rhythmuskurs mittwochs. Spiele mittwochs. Sport donnerstags. Anwesenheitsliste führen. Am Ende des Monats Milch an alle Kinder verteilen. Dazu kommen dann noch mein Theaterkurs mit den Großen und mein Improvisationskurs mit den Kleinen.
Ich bin also nicht unbedingt unterfordert und habe auch vormittags genug mit der Vorbereitung der ganzen Kurse zu tun. Aber ich fühl mich nützlich; vorher hieß es bei organisatorischen Dingen meistens nur „Nina, kümmer du dich mal“ und es tut gut zu merken, dass sowas jetzt mir anvertraut wird.

Für die nächsten Wochen steht auch wieder viel an. Ostern, mein Geburtstag, der 25. Geburtstag des Wiñay, der Tag des Kindes, die endlich intensivere Probenphase mit dem Theaterkurs und, und, und…

Ist jetzt ziemlich text- und fotoreich geworden, aber das kann ich mir zur Halbzeit ja mal erlauben.

Macht’s gut und genießt den Frühlingsanfang!

Autofahren, Wasserbomben und der größte Karneval der Welt

Am letzten Januarwochenende, gleich im Anschluss an das Zwischenseminar in Sucre mit allen Freiwilligen, ging es für alle Mitarbeiter und die Jugendlichen vom Wiñay nach Cajamarca. Das ist ein wunderschöner Ort, ca. 2 Stunden von Sucre entfernt und gekennzeichnet durch Pinienwälder, die es sonst in der Gegend kaum gibt. Wir waren knapp 20 Leute, hatten ein kleines Häuschen mitten in der Natur. 2 Nächte haben wir dort verbracht, das Ganze war wie ein kleines Seminar. Wir haben gespielt, gekocht, unsere Lebensweisen und Arbeit im Wiñay reflektiert, eine Talentnacht veranstaltet und und künstlerisch in der Natur verewigt. Es war kalt und veregnet, aber total gemütlich und eine gute Gelegenheit, ein paar von den Jugendlichen nochmal besser kennenzulernen. Nesthor, ein guter Freund den ich auch durch’s Wiñay kenne, war mit Motorrad gekommen und hat mich dann am Sonntag nach Sucre mitgenommen. Unvergesslich!
Nesthor ist es auch, der mir im Moment Autofahren beibringt. Das geht ja hier alles etwas einfacher, sollte ich ohne Führerschein beim Fahren erwischt werden, müsste ich 20bs zahlen, also 2,30€ (der Wechselkurs wird immer schlimmer…). Bin zwar bis jetzt nur nachts und auf einsamen Landstraßen gefahren, aber so langsam krieg ich ein Gefühl dafür und hoffe ja, mir dann in Deutschland ein paar wenige Fahrstunden sparen zu können…

Jetzt aber zum größten Fest des Jahres.
Carnaval, carnaval, seit gefühlt meiner Ankunft in Bolivien war das immer wieder ein Thema, insofern war schon von Anfang an klar: Das wird groß gefeiert!
Anfang Februar ging es dann los. Auf einmal war es ganz alltäglich, mehrmals am Tag Opfer einer Wasserbome oder -pistole zu werden. Nach ein paar Tagen hab ich mich auch bewaffnet, mir 100 Wasserbomben für 2 Bolivianos geholt und schnell Gefallen daran gefunden, vom Bus oder Taxi aus unschuldige Menschen nasszumachen. Unausgesprochene Regel dabei ist: Frauen machen Männer nass und andersrum. Ich als weiße bin natürlich für die Jungs ein ganz besonders aufregendes Ziel gewesen.
Am 13.02. war dann Comadres, ein Tag an dem die Frauen feiern und gefeiert werden. Hat sich besonders durch billigerem Eintritt und Getränken in allen Bars für weibliche Geschöpfe ausgedrückt. Zuerst sind wir mit den älteren Jungs vom Wiñay los. Um 20h haben wir uns in unserem Viertel getroffen, ausgestattet mit den traditionellen Flöten, 2 Pauken und einer bolivianischen Flagge. Wir sind dann von uns aus runter bis zur Plaza gelaufen/getanzt, haben gesungen und die zahlreichen Wasserbombenattaken über uns ergehen lassen, bis wir nach gut zweieinhalb Stunden endlich an der Plaza ankamen. Da haben wir uns heimlich unter die großen Tanz- und Musiktruppen gemischt, waren mit unseren paar schief klingenden Flöten den Blaskapellen zwar etwas unterlegen, hat aber trotzdem Spaß gemacht.
Während die anderen den langen Heimweg angetreten haben, bin ich in eine Bar spaziert, wo ich eine Bekannte und ihre schon gut angetrunkenen Freundinnen getroffen habe. Ich wurde mit den Worten „Gleich kommen die Stripper!!“ begrüßt und gezwungen, mich mit ihnen in die erste Reihe zu setzen. Gerade rechtzeitig kamen noch Randi und Jasmin dazu (wurden aber von den Plätzen ganz vorne verschont), dann ging’s auch schon los. Ich hatte mir das mit den Strippern ein wenig anders vorgestellt. Plötzlich standen da nämlich 2 Typen, die eher wie zwei alternative Männer auf Südamerika-Durchreise aussahen… Der eine spargeldünn, der andere mit Bierbauch, beide nicht besonders anziehend.
Die Bolivianerinnen fanden’s toll, ich eher weniger. Dank meines privilegierten Sitzplatzes kam ich natürlich auch nicht drum herum den netten Herren etwas näher zu kommen. Im Endeffekt war es zwar recht harmlos, aber ich bin trotzdem ein wenig traumatisiert (das wird den beiden wohl auch nicht entgangen sein…).
So viel dazu. Bolivien kann also auch anders.

Am nächsten Tag ging’s für Andi und mich abends nach Oruro. Da wollte ich schon von Anfang an hin. Der Karneval dort ist UNESCO-Weltkulturerbe und soll einer der beeindruckensten der Welt sein, messbar an dem in Rio!
Im Bus saßen wir neben einer Gruppe, die beim Karneval mittanzen würde. Aber die wollten sich nicht etwa ausruhen vor dem nächsten Tag, ach quatsch. Da wurden nach 5 Minuten die Singani- und Whiskyflaschen rausgeholt und der ganze Bus wachgehalten. Irgendwann konnte ich dann doch mal schlafen. Zwischendurch wurde ich vom Geheule eines Mädchens geweckt, die sturzbetrunken allen Passagieren ihre Beziehungsprobleme offenbarte…
Um 4h morgens kamen wir im kalten Oruro an. Im Terminal war’s halbwegs warm und nach einigem Suchen haben wir zwischen all den Leuten auch einen Platz auf dem Boden zum Weiterschlafen gefunden.
Nachdem 3 Freunde aus Santa Cruz mit 4 Std Verspätung auch endlich angekommen waren, saßen wir ab 10h bei der Entrada. Das war alles wahnsinnig groß und bunt und lebendig, total beeindruckend. Leider hat uns der teilweise echt starke und lang anhaltende Regen so ein bisschen den Spaß verdorben. Wir waren dummerweise etwas geizig bei der Sitzplatzwahl und haben für weniger Geld Plätze ohne Dach über’m Kopf gehabt. Die Plastikponchoverkäufer haben sich gefreut, wir haben alle fleißig bei ihnen eingekauft. Respekt an die Tänzer, die in teilweise super knappen Trachten und völlig durchnässt ihr Ding voll durchgezogen haben!
Abends wurde es dann am schönsten, da tanzten dann nämlich die größten und besten Gruppen.
Ich wünschte, ich könnte hier Videos hochladen, aber ihr müsst euch leider mit den Fotos begnügen. Während die anderen dem noch eine ganze Weile zugucken konnten, mussten wir Andi und ich uns leider schon wieder auf den Weg zum Terminal machen. Das war dann wahrscheinlich die schlimmste Busfahrt meines Lebens. Meine Kleidung war noch nass, meine Füße wie Eiswürfel und wir hatten auch noch Plätze direkt an der Tür, die während der Pinkelpausen immer ein paar Minütchen offen stand.

Als wir morgens in Sucre ankamen, ging’s gleich zum Wiñay. Am Sonntag morgen war in Sucre nämlich der „corso infantil“, der Umzug für Kinder. Die 2 Wochen davor haben wir viele Schaumstoffmasken gemacht, die total schön geworden sind.
Um beim Umzug anzutreten, braucht jede Gruppe ein Thema, das präsentiert wird. Bei uns ging’s um Kinderhandel. Ob die Kinder selbst das so richtig verstanden haben, was sie da machen, wage ich zu bezweifeln, die Zuschauer saßen aber alle recht beeindruckt aus. (Die Fotos hab ich noch nicht, kommen nach.)
Als ich nachmittags nach Hause kam, waren Carlos und Alfredo gerade dabei, 2 Plastikwannen mit Wasserbomben zu füllen. In einer halben Stunde würden nämlich ein paar Cousins mit dem Auto kommen, um durch die Stadt zu fahren und Leute abzuwerfen. Hab mich also auch daran gemacht, 100 Ballons mit Wasser zu füllen. „Ein paar Cousins mit Auto“ war die Untertreibung des Jahrhunderts! Vor unserem Haus hielt auf einmal ein Lastwagen, gefüllt mit über 20 Leuten und 10 Riesenkanistern und Wannen mit Wasserbomben. Alle aus unserer Familie, ich kannte aber kaum jemanden.
Dann gings also los, die Plane über dem Wagen war abgemacht, innen waren Bretter zum raufstellen befestigt worden, sodass man perfekt rausgucken und -werfen konnte. Wie kleine Kinder haben wir uns durch die Stadt kutschieren lassen und alle nassgemacht, ohne selbst verschont zu bleiben. War auch sehr spaßig, bis wir irgendwann in eine große Straße kamen, in der sich irgendwie alle Autos und Menschen mit ihren Wasserbomben versammelt hatten. Pro Sekunde sind da 3 Stück auf uns geprasselt. Und die schmeißen aber auch mit einer Wucht, das ist alles andere als ungefährlich! Irgendwann ist eine an meinem Auge geplatzt, damit war für mich erst mal Schluss und ich hab mich zu den anderen Sensibelchen unter ein Stück Plane hinten in den Laster gestellt. Als alle Wasserbomben aufgebraucht waren, sind wir endlich aus dieser Todesstraße rausgefahren. Ich wollte gerade erleichtert aufatmen, als plötzlich alle „la gringa! la gringa!“ geschrien haben. Ich hatte nicht mal Zeit, mich zu erschrecken, da hatten sie mich schon an den Händen und Füßen gepackt und ich hab eine ordentliche Dusche durch einen Eimer Wasser bekommen.

Montag war meine ganze Feierlaune eigentlich schon etwas ausgeschöpft, aber es ging nochmal weiter. Jedes Viertel hier hat so seine Banden, mit Namen und Symbol und einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl. Davon hatte ich schon gehört, aber noch nicht besonders viel mitbekommen und vor allem keinen Überblick darüber, wer jetzt zu wem gehört. Hat sich Montag geändert. Nesthor hatte mich eingeladen, an dem Nachmittag zu ihm zu kommen, wir würden mit seiner Gruppe durch die Stadt ziehen. Nachdem meine Familie mir versichert hat, Nesthor gehöre zu einer der friedlichen Banden, die auch unterwegs sein können, ohne sich am Ende völlig besoffen mit einer anderen Gruppe zu prügeln, bin ich also mitgekommen. Hab mir das Bandent-shirt gekauft und als alle (ca. 40 Leute) versammelt waren ging’s los. Man hat immer eine kleine Kapelle dabei, die einen musikalisch begleitet und so ging es dann dann tanzend bis ans andere Ende der Stadt und wieder zurück. Natürlich wurden wir wieder ordentlich nassgemacht, ganze Familien hatten sich auf ihren Hausdächern oder Balkons versammelt und so wurden wir von allen Seiten abgeworfen. Mein
persönliches Highlight war eine alte Dame die von ihrem Fenster aus grinsend einen Eimer Wasser über uns ausschüttete.
Die ganze Zeit über wurde das Karnevalsgetränk schlechthin getrunken: Leche de Tigre, Tigermilch. Besteht aus einer besonderen Milch, Eiern, Zucker, Weinbrand und 96%igem Alkohol. Klingt absolut widerlich, schmeckt aber gar nicht so schlecht.
Um zehn war ich wieder zu Hause und am nächsten Tag habe ich endlich mal wieder einfach gar nichts gemacht.
Waren insgesamt ziemlich nasse, aber sehr gelungene Tage. Und wenn ich nach dem Jahr nochmal nach Bolivien komme, dann über Karneval!

On the road

Was für schöne Wochen, die da hinter mir liegen!
Heiligabend, Silvester, fast 3 Wochen unterwegs gewesen und so viel gesehen.
Jetzt sitz ich hier wieder zuhause, tausend Bilder im Kopf und muss erst mal wieder aufs Alleinsein klarkommen.
Aber von vorne.
Es hieß zuerst, wir werden Heiligabend zuhause verbringen. Alle außer Felix, der mal wieder mit seinem Lastwagen unterwegs sein würde. Am 23. wurde mir dann gesagt, wir fahren alle am nächsten Tag gegen 16h zusammen in ein Dorf, um dort Weihnachten zu verbringen. Den 24. hab ich dann also vormittags entspannt im Zentrum verbracht, noch ein paar Dinge erledigt, mit Mama telefoniert. Als ich 11.30 Uhr nach Hause kam, hatte ich vor, schon mal für die Reise in 2 Tagen zu packen und noch entspannt zu duschen, aber nix da: „Beeil dich, in 20 Minuten geht’s los!“. Also schnell noch die Hühnersuppe runtergeschlungen, ein paar Sachen in den Rucksack gestopft, und schon saßen wir alle etwas eingequetscht in Felix‘ Wagen. Das heißt, alle außer Carlos, einer musste nämlich zuhause bleiben um das Haus zu bewachen. Da war ich auch erst mal baff. Wir waren dann also auf dem Weg nach Sopachuy, ein 5 Stunden entfernt gelegenes Dörfchen. Im Fernsehen gab es nämlich seit einigen Wochen Werbung, dass doch alle dorthin kommen sollen um zusammen zu tanzen und zu feiern. Klang schon mal vielversprechend. Die Fahrt wäre eigentlich ganz schön gewesen, hätten nicht überall am Straßenrand Kinder gestanden um nach Spielzeug und Essen zu betteln. Wir hatten eine Tüte mit Gebäck dabei, dass ich dann im Vorbeifahren immer aus dem Fenster werfen sollte. Hab mich gefühlt, als würd ich Hunden das Essen vor die Füße schmeißen, ganz komisch. Aber besser, als gar nix zu geben.
Am Frühabend kamen wir an, allerdings hatte ich da was falsch verstanden, Felix fuhr mit Gregoria nämlich noch weiter, da er in irgendeine Stadt Pfirsichbäume bringen sollte.
Blieben also Pamela, Alfredo und ich. Nachdem wir ein Hostel gefunden hatten, dass zwar keine Zimmer mehr hatte, aber immerhin 2 Matratzen, die wir uns in den Essenssaal legen durften, ging’s erst mal an den Fluss zum baden. Baden an Heiligabend, auch ’n Ding. Abends haben wir uns mit dem Christstollen, den Oma mir aus Deutschland geschickt hatte, auf die kleine Plaza gesetzt. Lecker war’s, und zum ersten Mal an dem Tag kam ein Weihnachtsgefühl bei mir auf.
Irgendwann ging es los, mehrere kleine Gruppen tanzten um die Plaza, alle den gleichen Tanz, der typisch für die Weihnachtstage ist. Irgendwann wurden Außenstehende aufgefordert mitzutanzen, ich als Weiße wurde natürlich sofort mitausgewählt und sollte also Chuntunki tanzen, während die ganze Gruppe um mich herumstand. Hat echt Spaß gemacht und war auch gar kein so großes Desaster, da ich im Wiñay die Schritte zum Glück schon mal gelernt hatte.
Am nächsten Tag sind wir durch’s Dorf nochmal zum Fluss gelaufen. Ich hab mich gefühlt wie im Film, die Straßen waren voll von betrunkenen Menschen, die entweder am Schlafen oder Weitertrinken waren…
War noch ein schöner Tag, nachmittags ging mit dem Bus nach Hause, wo wir um 22h ankamen. Dann hieß es für mich Wäsche waschen und packen für die nächsten Wochen!


Am 26.12. ging’s dann morgens mit Randi zum Busterminal, wo wir den Rest unserer Reisetruppe getroffen haben, die gerade aus Santa Cruz angekommen war.
Nach 7 Stunden Fahrt kamen wir in Uyuni an und buchten erst mal unsere 3-Tages-Tour. Wie es weiterging, könnt ihr euch unter den Fotos durchlesen.


War wirklich eine tolle Tour. Was allerdings etwas schade ist, ist das Prinzip, immer an einem Ort anzuhalten, 10-15 Minuten Zeit zu haben sich alles anzugucken (zusammen mit den weiteren 100 Touris die da rumstehen) und dann schon wieder weiterzumüssen. Es gab 2-3 Male, wo wir wirklich nur unter uns waren und mal Zeit hatten, uns zB in die Wüste zu legen, die Landschaft wirklich zu genießen. Trotzdem, ich würd’s am liebsten nochmal machen.


Nach den 3 Tagen ging es weiter nach La Paz, wo wir Silvester verbrachten. Am Abend vom 31. haben wir uns alle in der Wohnung von Brit, einer anderen Freiwilligen getroffen. Sie wohnt in El Alto, das ist eine eigene Stadt, die direkt an La Paz liegt, nur 400m höher. In der Wohnung haben wir gemütlich vorgeglüht und Coca gekaut. Vielleicht mal ein kleiner Exkurs dazu. Coca ist in ganz Bolivien sehr beliebt. Ist nicht selten, dass sogar Kinder eine dicke Cocakugel in der Backe stecken haben. Man steckt sich einfach einen Haufen Blätter in eine Backe, kaut eine Stunde oder länger darauf rum und nimmt ab und zu eine Fingerspitze von Backpulverähnlichem Zeug, um den Effekt zu verstärken. Ich sag euch, hält wach! Hunger hat man auch keinen und man friert weniger. Außerdem kostet es sehr wenig, ihr könnt euch also denken, dass es gerade für ärmere Leute fast ein Grundnahrungsmittel ist.
Jedenfalls sind wir kurz vor Mitternacht zu einem Aussichtspunkt in El Alto gelaufen. Wir waren alle sprachlos. Man hatte einen Blick auf ganz La Paz, was so schon immer sehr beeindruckend ist, vor allem nachts mit den ganzen Lichtern. Dazu kam dann aber noch das Feuerwerk. Überall explodierten die Dinger, aber eben unter uns. Ich hätte heulen können, so krass war das.
Irgendwann sind wir noch tanzen gegangen in La Paz und damit war mein Silvester perfekt.

Ich hatte ja noch 2 Wochen frei, beschloss also, das auszunutzen und noch nach Santa Cruz zu fahren. Ich konnte bei Jakob wohnen, der auch noch Urlaub hatte. Von der Stadt kannte ich bisher nur den Flughafen und das Busterminal, war also sehr interessant, sich alles mal anzugucken. Endlich mal richtig tropisches Klima! Santa Cruz liegt nämlich auf 300m, die Luft ist sehr feucht und man hat das Bedürfnis, 3 Mal am Tag zu duschen.
2 schöne Ausflüge haben wir gemacht.
Zuerst waren wir einen Tag lang bei den Lomas de Arena. Nach 7km Fußmarsch kamen wir an: Wüste! Ein wunderschöner Ort ist das, mit kleinen Lagunen zum baden. Das mit dem Baden war allerdings nur ein kurzes Vergnügen, nachdem ich auf einmal bemerkte, dass mein Körper übersäht war von ganz kleinen Blutegeln. Da ist uns allen die Lust ein wenig vergangen…
Der zweite Ausflug ging über 2 Tage. Wir sind nach Samaipata gefahren, ein nicht so weit entferntes Dorf. Total hübsch ist es da, ein kleiner Platz auf dem Leute Musik machen, Schmuck verkaufen, alle wirken sehr entspannt. Um Samaipata gibt’s auch echt viel zu sehen, wir waren am ersten Tag in Wasserfällen baden und am zweiten in einem Auffangort für verlassene Tiere, die wieder sozialisiert werden müssen. Dort gab’s Schildkröten, Lamas und vor allem Affen! Hätte mir am liebsten einen mit nach Hause genommen…

Die Tareija-Reise mit meiner Familie ist leider ausgefallen. Jetzt bin ich also wieder zuhause und weiß nicht so ganz, was ich mit mir anfangen soll. Die Regenzeit hat jetzt so richtig angefangen, es regnet und nieselt fast den ganzen Tag und eigentlich will ich gar nicht aus meinem Bett raus. Am Montag geht die Arbeit wieder los. 5 Tage im Wiñay, dann fängt schon unser Zwischenseminar an, das hier in Sucre stattfinden wird. Danach ist schon Karneval und die Hälfte meiner Zeit hier vorbei. Geht alles ganz schön schnell irgendwie.
Ich hoffe, ihr seid alle schön und gesund ins neue Jahr gerutscht!
Macht’s gut und bis bald!

Heisse Weihnacht

30°C, Mangosaison, Sonnenbrand. Dezember, Weihnachten.
Ganz merkwürdige Kombination.
Der erste Advent hat sich zwar noch so gar nicht wie einer angefühlt, aber seit Mitte Dezember bin ich tatsächlich ein bisschen in Weihnachtsstimmung!
Die Plaza wurde dekoriert, alles absolut kitschig, in einigen Cafés standen Plastiktannen mit bunten Girlanden, im Zentrum konnte man in vielen Läden Weihnachtsdeko kaufen, auch immer hauptsache bunt, leuchtend und glitzernd!
Ich wär trotzdem nur schwer in Adventstimmung gekommen, wenn nicht ein paar Päckchen aus Deutschland gekommen wären! Jetzt habe ich eine Lichterkette, Kerzen, Kunstschnee, Ausstechformen und natürlich Lebkuchen/Dominosteine/Christstollen/etc. An der Stelle tausend Dank an meine Familie und Freunde, die mir ein bisschen Weihnachten ins Zimmer geschickt haben!
Ich habe meiner Gastfamilie einen Adventskalender gebastelt. Kannten die überhaupt nicht und Carlos muss noch lernen, dass er nicht am 1.12. alle seine Türchen leerfuttern darf. Kann ihm die nächste Freiwillige dann beibringen.
Plätzchen habe ich natürlich auch gebacken und musste gleich für Gregoria die Rezepte aufschreiben, so begeistert waren alle. Und mindestens genauso enttäuscht, als ich gesagt habe, ich würde mich weigern, nach Dezember noch welche zu machen.
Dann gab es noch eine Tanzaufführung von Pamelas Ballettstudio, natürlich auch zum Thema Weihnachten. War wirklich schön und hätte man genauso auch in Deutschland vorfinden können, es wurde nämlich hauptsächlich zu Jingle Bells & Co. getanzt.
Da Sommerferien sind, war im Wiñay seit Anfang Dezember keine Hausaufgabenbetreuung mehr nötig, die Kinder sind aber trotzdem noch gekommen. Sie konnten sich Kurse aussuchen, entweder Tanz, Theater, Kunst oder Backen, alles in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest am 22.12.
Ich habe mit einer 7er-Gruppe ein Mini-Stück eingeübt, was teilweise echt anstrengend war. Wenn man versucht, aus 3 sehr energiegeladen, leider auch manchmal aggressiven aber hauptsächlich lauten Jungs und 4 schüchternen, kichernenden, leisen Mädchen eine homogene Gruppe mit angenehmer Spielatmosphäre zu bilden, braucht man seeeehr viel Geduld und eigentlich auch mehr Zeit. Wie auch immer, ich denke, im Endeffekt hat es allen Spaß gemacht und den Zuschauern gefallen und für mich war es eine wichtige Erfahrung, auch in Vorbereitung aufs nächste Jahr.
Weiteres Highlight diesen Monat: Die Entdeckung meiner neuen bolivianischen Lieblingsband, Matamba. Die machen eine Mischung aus Reggae und Metal, wobei sich der Metalanteil netterweise in Grenzen hält. Sie haben in Sucre ein Gratiskonzert gegeben, ich war sehr begeistert. Könnt ihr euch ja mal anhören. Passt jetzt gerade gut, ich wollte eh mal ein paar Youtubelinks von Liedern einfügen, die hier in den letzten Wochen rauf und runtergehört werden, vor allem von den Jungs im Bartolina. Anders als in Deutschland hören die richtigen „Gangster“ hier nämlich sehr romantische und schnulzige Lieder, was ich immer wieder amüsant finde.https://www.youtube.com/watch?v=NUsoVlDFqZg ; https://www.youtube.com/watch?v=vAMnV962Quw
Dann gab es noch Pamelas Graduación vor ein paar Tagen. Sie hat alle Prüfungen bestanden und ist fertig mit ihrem Pädagogik-Studium. Das wurde zuerst in der Uni gefeiert, ganz amerikanisch (weiter unten gibt’s Bilder) und danach zuhause mit Tänzen, einem Schwein und natürlich wieder viel Alkohol. Zu viel für Gregoria, die am nächsten Morgen dann von mir Tipps zur Kater-Beseitigung wollte…
Und jetzt ist schon fast Weihnachten. Der 24. ist hier noch ein ganz normaler Tag, am 25. geht’s dann los. Von Familie zu Familie wird unterschiedlich gefeiert, bei uns zuhause wird es außer typischem Weihnachtsessen (nichts besonderes geben. Keine Deko, keine Geschenke. Ist aber auch okay, ich werd mich an dem Tag eh auf die anstehende Reise vorbereiten.
Ab dem 26.12. mache ich mich mit ein paar anderen Freiwilligen auf den Weg zum Salar de Uyuni, wo wir Silvester feiern wird spontan entschieden. Danach habe ich 1-2 Tage in Sucre bevor es mit meiner Familie nach Tarija geht, in den Süden Boliviens. Wenn ich zurück bin, lass ich von mir hören, wird bestimmt ’ne Menge zu erzählen geben.
Damit also gemütliche Weihnachten und ein frohes Neues, auf Quechua: Sumaj wata kachun!